Susanne Hahn

                                                                                                                                       14.09.2014

Tempus est dicere vale - Time to say Goodbye

Ich trete vom Leistungssport zurück: Mit 36 Jahren und zwei kleinen Kindern kann ich das Training nicht mehr so realisieren, wie es für Starts bei internationalen Meisterschaften notwendig wäre. Denn als Marathonläuferin muss ich schon an fünf von sieben Tagen die Woche zweimal trainieren. Das ist körperlich wie zeittechnisch nicht mehr machbar. So glaube ich, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um mich aus der Szene zu verabschieden.

Vor zwanzig Jahren, 1994, bin ich meine ersten Deutschen Meisterschaften gelaufen: So die Cross-DM in Burghaslach, wo ich Platz 28 belegte, und die Deutschen Jugend-Meisterschaften in Ulm. Als 16-Jährige abends im Ulmer Donaustadion das erste Mal unter Flutlicht, über 3.000m Fünfte mit Bestleistung – ein Riesenerlebnis. In den zwanzig Jahren meiner Karriere habe ich bei 58 Deutschen Meisterschaften 33 Einzel- und 20 Mannschafts-Medaillen gewonnen (Einzel: 10-mal Gold, 15-mal Silber, 8-mal Bronze; Mannschaft: 9-mal Gold, 9-mal Silber, 2-mal Bronze). Höhepunkte waren der dreimalige Gewinn der Junioren-Cross-DM (1998-2000, nun U23), die DM-10km Straßenlauf 2009 in Otterndorf und natürlich 2008 mein Sieg beim Mainz-Marathon mit der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking. International habe ich in Teamwertungen zwei Bronzemedaillen gewonnen: 2006 beim Europa-Cup Marathon in Göteborg und 2012 bei der Cross-EM in Velenje.

Tiefpunkte gab es aber auch in meiner Laufbahn: Stets das Hinterherlaufen im Sommer, bis schließlich 2003 mein neuer Trainer Frank Hahn das Rätsel löste: eine Pollenallergie. Im Juli 1.000m-Läufe in über 3:30 min, wo ich im Winter unter 3:15 min gelaufen war, waren die Trainingseinheit, die unter Tränen meine Karriere als Bahnläuferin beschloss.

Marathon war der einzige (und erfolgreichste) Ausweg, die einzige Möglichkeit, bei internationalen Höhepunkten zu starten. Für jede Meisterschaft, für die ich mich qualifizieren wollte, klappte das Vorhaben: EM Göteborg 2006, WM Osaka 2007, Olympische Spiele Peking 2008, WM Berlin 2009, Olympische Spiele London 2012. Ein Trauerspiel war stets die Zusammenarbeit mit den DLV-verantwortlichen Trainern – von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Danken möchte ich meinen Eltern, die mich zur Leichtathletik gebracht und mich stets auf meinem Laufweg unterstützt haben: Mein Vater in den Anfängen auch als Trainer, meine Mutter zuletzt auch als Kinderbetreuerin während der Trainingslager vor London. Danken möchte ich auch meinen vielen Sponsoren und besonders meinem Verein SV schlau.com Saar 05 Saarbrücken, dessen Trikot ich die letzten zehn Jahre getragen habe, für die umfangreiche Unterstützung. Den größten Anteil an meinen läuferischen Erfolgen hat mein Mann Frank: Er hat mich als Quereinsteiger und Autodidakt zu den Erfolgen geführt, von denen ich früher nie zu träumen gewagt hätte. Unter seinen Fittichen gehörte ich stets zur deutschen Spitze auf den Langstrecken. Neben den internationalen Einsätzen habe ich mit seinem Training bei 29 Deutschen Meisterschaften 21 Einzel- und 14 Mannschaftsmedaillen errungen.
Bei aller Professionalität und Profession für das Laufen war uns immer klar, dass der Sport nur einen Abschnitt in unserem Leben bedeutet: 2010, nach der Geburt unseres ersten Sohnes, setzten wir uns aber nochmals das Ziel einer Olympia-Teilnahme: Meine ersten Spiele, die von Peking 2008, waren so negativ besetzt, dass London eine positive Olympia-Erfahrung werden sollte, was gelang. 2011 lief ich beim Marathon-Comeback (fast unbemerkt von den Medien und dem Veranstalter) Bestleistung und qualifizierte mich für London. Das hochkarätige Rennen dort und meine Lieben vor Ort gehören zu den schönen Erlebnissen meiner Laufkarriere. Die Leistung 2011 wurde im Saarland gewürdigt: Ich wurde zur Saarsportlerin des Jahres 2011 gewählt, was für mich ein äußerst emotionaler Höhepunkt in meiner Sportlerkarriere war. In guter Erinnerung sind mir auch meine Starts für die SOS-Kinderdörfer. Ein Rennen, auf das ich besonders stolz bin, ist die DM-Halbmarathon diesen April in Freiburg nach der Geburt unseres zweiten Sohnes 2013. Ich habe nochmals allen (Jüngeren) die Hacken gezeigt, und das bei nur etwa siebzig Trainingskilometern die Woche in der Vorbereitung und statt Trainingslagern täglich alternatives Training durch den Alltag mit zwei Kindern.

Ich stehe voll zu meinen Jahren als Leistungssportlerin, auch wenn sie Entbehrungen und Verzicht mit sich brachten, etwa für die berufliche Ausbildung. Aber ich habe ein abgeschlossenes Universitätsstudium und hoffe, dass ich meine erworbenen Fähigkeiten einmal erfolgreich einsetzen kann. Heute bin ich an dem Punkt, dass ich sage: Die Investition in den Sport reicht, meine Familie soll nun mehr von mir haben, z.B. Sonntagsausflüge zu viert statt der aktuellen Situation: Der Papa und die Söhne besuchen das Wildgehege, während die Mama um den Park ihre Runden dreht.

Laufen werde ich weiterhin: Es tut mir gut, es ist die einfachste Art der körperlichen Betätigung. Zudem ist Michael mit Eifer dabei, wenn ich Koordinationsübungen wie „kleine schnelle Schritte“ mache. Oft hat er mich bei unseren gemeinsamen Aktivitäten schon motiviert. Aufhören kann ich da nicht vollkommen, unser Nachwuchs braucht ein Vorbild und eine Animation.
Vielleicht finde ich mich irgendwann als aufgeregte Mutter im Stadion oder am Wegesrand wieder und treffe auf alte Weggefährten, denen es mit ihrem Nachwuchs genauso ergeht: Schön wärs!